Der Tagesspiegel, 21. Juni 2003

Grenzenlos shoppen

Autos, Möbel, Uhren, Anzüge - deutsche Urlauber können im Ausland manches Schnäppchen machen

Von Christian Backe

Das war einmal: Vor dem Rückflug von Mallorca noch schnell in den Duty-free-Shop, Zigaretten, Parfüm und Cognac gekauft, und dann ab nach Hause. Millionen von Urlaubern haben dieses Sparritual zum Ferienende genossen. Dann machten die EU-Minister dem zollfreien Einkauf innerhalb der Europäischen Union ein Ende. Seit dem 1. Juli 1999 können nur noch Reisende, die die EU verlassen, im Duty-free-Shop billig einkaufen. Das ist schade, aber auch ohne Duty-free können Urlauber Geld sparen. Denn viele Dinge gibt es außerhalb Deutschlands billiger.

30 Prozent beim Auto: Beim Kauf eines neuen Autos lohnt sich der Blick ins EU-Ausland fast immer. Wie viel Sie sparen können, sagen Ihnen die Preisvergleiche, die die EU-Kommission zweimal jährlich veröffentlicht und die Sie kostenlos bei der Vertretung der Kommission in Berlin mitnehmen können. Bis auf wenige Ausnahmen, wie etwa Mercedes, gibt es jeden gängigen Wagen bei einem der europäischen Nachbarn billiger. Die Differenz macht bis zu 30 Prozent aus, in seltenen Fällen sogar mehr. Beispiel VW Bora: In Finnland, Griechenland oder Irland kostet der Wagen über 3000 Euro weniger als beim deutschen Händler. „Die Differenz kommt hauptsächlich deshalb zustande, weil sich die Brutto-Preise international zwar ähneln, aber der Mehrwertsteueranteil im europäischen Ausland viel höher ist“, sagt ADAC-Verbraucherschutz-Expertin Katrin Ströch. Die ausländische Mehrwertsteuer muss der deutsche Kunde aber nicht zahlen, sondern er führt erst in Deutschland die niedrigen 16 Prozent ans Finanzamt ab. Der Pferdefuß an dieser Traumgeschichte ist die Gewährleistung. „Treten Sachmängel auf, so kann man die nicht beim Hersteller anmelden, sondern nur beim Verkäufer. Weil der weit weg ist, schrecken viele Leute dann doch vor dem Kauf im Ausland zurück“, warnt Ströch.

20 Prozent beim Benzin: Auch das Tanken ist in vielen Nachbarregionen billiger als in Deutschland. In Osteuropa etwa kostet Benzin bis zu einem Fünftel weniger. Auf ähnlich niedrigem Niveau bewegt sich der Preis in Luxemburg. Der Sprit darf aber nur im Fahrzeugtank und bis zu 20 Litern im Reservekanister über die Grenze gebracht werden, sonst verlangt der Zoll Mineralölsteuer.

15 Prozent bei Möbeln: Mit einem etwas größeren Fahrzeug lassen sich auch Möbel in Europa günstig kaufen. Nach einer Studie der EU-Kommission zahlt man für Tische, Stühle oder Regale in Portugal und Griechenland zwischen zehn und fünfzehn Prozent weniger als in Deutschland, in der Türkei, Bulgarien und Rumänien sogar nur die Hälfte. Wem das dortige Design nicht gefällt, kann auch auf Bekanntes ausweichen. Ikea-Möbel gibt es in Frankreich, Belgien und Dänemark um bis zu 15 Prozent günstiger als in Deutschland. Allerdings gilt das nur für einige ausgewählte Schnäppchen. Ein Euro bei Zigaretten: Raucher sollten in Südeuropa Urlaub machen. In Portugal und Spanien kostet die Packung Markenzigaretten bis zu einem Euro weniger als bei uns. Will man sich einen Vorrat nach Hause mitnehmen, muss man allerdings aufpassen: Zwar gehören beide Länder zum gemeinsamen Binnenmarkt, aber der Zoll betrachtet Mengen über 800 Stück pro Person als gewerbliche Ware und verlangt Umsatzsteuer. Besonders Schlaue versuchen, diese Hürde zu umgehen, indem sie die Stangen vom Urlaubsort aus als Päckchen nach Hause schicken. Aber Achtung: Der deutsche Zoll kann die Ware beschlagnahmen.

Anzüge zum Schnäppchenpreis: Wie die meisten Mittelmeer-Anrainer lohnt sich auch Italien als kombiniertes Reise- und Einkaufsziel. Swatch-Uhren erhält man dort schon für 27,50 Euro statt 35 Euro in Deutschland. Eine Jeans von Levi's kostet 53 Euro statt 68. Wer Maßanzüge zu einem Bruchteil der Kosten deutscher Schneider kaufen will, sollte nach Thailand oder Indien fahren. Aber Vorsicht: Preise und Qualität variieren stark. „Wenn die Anzüge schon auf den Schaufensterpuppen schlecht sitzen, sollte man die Finger davon lassen“, warnt der Berliner Reiseführerautor Rüdiger Schneider. Relativ sicher fährt, wer dem Schneider einfach sein Lieblingskleidungsstück zum Nachschneidern überlässt, denn da kann beim Maßnehmen kaum etwas schief gehen.

Anlaufstellen für Verbraucher

Schief gehen sollte beim Kauf möglichst nichts. Denn dann müssen Sie sich mit dem Verkäufer im Ausland herumstreiten. Da immer das Recht in dem Land anwendbar ist, in dem Sie die Ware erstanden haben, müssten Sie im Falle eines Falles dort auch prozessieren. Doch das ist schwierig und teuer. Daher empfehlen Verbraucherschützer eine außergerichtliche Einigung (siehe Interview).

Zumindest bei grenzüberschreitenden Streitigkeiten innerhalb der Europäischen Union stehen Verbraucher nicht allein da. Wer sich über ein EU-Unternehmen beschweren will, kann sich an „Euro-Info-Verbraucher e.V.“ in Kehl wenden. Die Clearingstelle ist Teil eines europaweiten Netzwerks der außergerichtlichen Streitbeilegung (EU, Island, Norwegen). Sie nimmt die Beschwerde an, leitet sie an die Partnerstelle im jeweiligen Land weiter, vermittelt Schlichtungen und betreut die Verbraucher - gebührenfrei - während des Verfahrens. Für deutsch-französische Fälle gibt es eine spezielle Verbraucherberatungsstelle. Sie erreichen „Euro-Info-Verbraucher“ telefonisch unter 07851/999148-0 oder im Internet unter www.euroinfo-kehl.com.